Kulturschutzgesetz

Naturwissenschaftler und Sammler kritisieren das Gesetz
Die Paläontologischen Gesellschaften Deutschlands, Österreichs warnen davor, dass durch das Kulturgutschutzgesetz der internationale Leihverkehr und die Zusammenarbeit mit privaten Sammlern beeinträchtigt werden. Sie weisen auf die grundlegenden Unterschiede zwischen Archäologie und Paläontologie hin, die eine differenzierte rechtliche Behandlung erfordern. Eine Besonderheit der Paläontologie ist, dass Fossilien, die nicht durch Wissenschaftler oder Sammler geborgen werden, zu 99 % der Erosion oder maschineller Zerstörung beim Gesteinsabbau zum Opfer fallen. "Wer die Einfuhr oder das Handeln, Tauschen und Verschenken von Fossilien und Mineralien, die nicht von Ausfuhrgenehmigungen oder anderen Papieren begleitet werden, pauschal mit Bußgeldern belegen oder gar bestrafen will, müsste in der Konsequenz auch die Rohstoffgewinnung aus Gestein untersagen. Es werden täglich in Steinbrüchen mehr Fossilien zerstört als der fleißigste Sammler in seinem ganzen Leben finden kann", meint der Tübinger Paläontologe Dr. Michael Maisch, Mitherausgeber der Zeitschrift FOSSILIEN. "Selbstverständlich gibt es unter Sammlern einen breiten Konsens darüber, dass herausragende Kultur- und Naturgüter eines besonderen Schutzes bedürfen. Die UNESCO-Konvention von 1970 und die EU-Richtlinie von 2014 enthalten klare Definitionen, die ein hohes Schutzniveau garantieren – diese 1 zu 1 in nationales Recht zu transformieren wäre zu begrüßen", so Maisch weiter. Viele EU-Staaten haben die EU-Richtlinie bereits umgesetzt. Während beispielsweise in Österreich zum 1.12.2015 ein 7-seitiges Gesetz in Kraft tritt, verzögert sich in Deutschland der Prozess. Das deutsche Gesetzeswerk soll laut Gesetzesbegründung dieselben internationalen Standards durchsetzen, umfasst jedoch stattliche 156 Seiten, also 149 Seiten mehr als etwa das österreichische Gesetz. Allein daraus einen Übereifer abzuleiten, wäre sicherlich verfehlt, man muss schon genauer hinsehen.

 

Das Museum Solnhofen, Heimstätte des Urvogels Archaeopteryx, verliert das "Drama aus der Urzeit"
Das Museum Solnhofen ist bereits seit Wochen mit den Auswirkungen des Gesetzes konfrontiert. Der Schaden ist zum Teil bereits jetzt unwiederbringlich, denn der durch den Regierungsentwurf des Kulturgutschutzgesetzes auf private Leihgeber erzeugte Handlungsdruck ist so groß, dass bereits jetzt feststeht, dass das Museum Solnhofen die spektakuläre Dauerleihgabe „Drama aus der Urzeit“ verlieren wird. Es handelt sich dabei um eine Gesteinsplatte aus dem Solnhofener Plattenkalk, die einen rund 150 Millionen Jahre alten 80 cm großen Raubfisch zeigt, der an der Wasseroberfläche einen Flugsaurier aufgespießt hat. Der spektakuläre fliegende Fischjäger hatte gerade einen kleinen Fisch erbeutet. Die für alle tödliche Begegnung, die in der Millionen Jahre alten Platte verewigt ist, gehört zu den spektakulärsten Stücken, die je in Deutschland gefunden wurden und ist -  in dieser Kombination - sogar seltener als der Urvogel Archaeopteryx.

Der wissenschaftliche Direktor des Museums Dr. Martin Röper beklagt, dass das Museum Solnhofen durch das Gesetzesvorhaben unnötig in eine schwere Krise gestürzt werde. In diesem Zusammenhang betont er die Wichtigkeit der unter der Kulturhoheit des Freistaates Bayern ermöglichten und für das Solnhofener Museum elementaren Kooperation mit Privatsammlern, die er gerne fortsetzen würde. "Versäumtes lässt sich nachholen, es  ist nie zu spät. Aber dazu ist es unerlässlich, das Kulturgutschutzgesetz auf die praktischen Belange der Naturwissenschaft der Paläontologie abzustimmen“. Das Solnhofener Museum ist nicht irgendein Museumsstandort in Deutschland. Mit drei von zwölf Originalen des Urvogels Archaeopteryx und einem weiteren befiederten Raubdinosaurier ist es nach Ansicht des britischen Wissenschaftlers Dr. Dave Martill zu einem "Weltklassemuseum" gereift. Eben weil es dem Solnhofener Wissenschaftler im Laufe von achtzehn Jahren mit Geduld und Toleranz gelungen ist, namhafte Sammler ins Boot zu holen. Mit dem gemeinsamen Konzept „Zeige die Fossilschätze aus dem Naturpark Altmühltal in der heimatlichen Steinbruchlandschaft“ sind in Solnhofen neue Maßstäbe gesetzt worden, eine an Arbeitsplätzen strukturschwache Region mit einem Leuchtturmprojekt geotouristisch zu beleben. Dazu sagt Dr. Martin Röper: "Wir deutschen Paläontologen sind auf dem besten Weg, Verlierer im eigenen Land zu werden. Das müsste mit unserem Engagement für die Geoidentität Deutschlands nicht sein. Wir kämpfen mit unseren Sammlern und Leihgebern  für die finanzarme Gemeinde darum, dass Solnhofen als wohl bekanntester Fossilienort Deutschlands zusammen mit anderen bedeutenden Fossilfundstellen wie Monte Bolca in Italien endlich den verdienten Sonderstatus der UNESCO bekommt. Die Vernetzung von Solnhofen mit gleichrangigen Fundstellen in Italien, Nordamerika, der Mongolei, China und Brasilien auf UNESCO-Ebene zu erreichen, beschreibt den besten Weg, um einen weltweiten Schutz bedeutender Fossillagerstätten zu erreichen."
Der Bürgermeister der Gemeinde Solnhofen Manfred Schneider bekräftigt: "Die Politik des Bundesministeriums für Kultur und Medien ist rücksichtslos und unverantwortlich – unserer ganzen Gemeinde ist dadurch ein Bärendienst erwiesen worden. Jetzt muss die Politik schnell gegensteuern, um den Verlust weiterer Fossilien zu verhindern. Ein staatliches Vorkaufsrecht zum Marktpreis, wie England und Frankreich es haben, wäre eine faire Regelung und weitere Verluste könnten vermieden werden." Sammler haben jetzt schon die Herausnahme weiterer wertvoller Stücke angekündigt und werden diese noch in diesem Jahr durchführen. Solnhofen verliert damit weitere für das Museum und seine Besucher wichtige Stücke.

 

Links zum Thema:

 

http://www.steinkern.de/news-updates

Interessanter Bericht dazu in der Zeit

 

Stellungnahme der deutschen Paläontologischen Gesellschaft zum Entwurf der "Kulturgutschutz-Novellierung"

 

http://www.bundesregierung.de/Webs/Breg/DE/Bundesregierung/BeauftragtefuerKulturundMedien/kultur/kulturgutschutz/_node.html

 

http://www.bundesregierung.de/Webs/Breg/DE/Bundesregierung/BeauftragtefuerKulturundMedien/kultur/kulturgutschutz/statements/_node.html;jsessionid=8497B1B4AA0F5872E5A5C8F1779E2BA8.s3t1