Spitzbergen: Kein leichtes Reiseziel!

Unsere Reise sollte eine rein geologische Reise sein, daraus geworden ist…

 

Adventdalen - Blick ins Mälardalen

 

Die über 61000 km² große Inselgruppe liegt weit entfernt von dem bekannten Europa in der Arktis und wird von den Norwegern "Svalbard" genannt, was so viel wie Kalte Küste bedeutet. Diese Inselgruppe ist wie ein riesiger tiefgefrorener Steinbruch wo sich über 3000 Eisbären aufhalten, ihre Zahl wird allerdings von den örtlichen Biologen auf rund 3500 Tiere geschätzt. Eisbären sind auch das große Problem für Wanderungen, zum einen dürfen Touristen diese Tiere nicht bewusst suchen um sie zu fotografieren und zum anderen ist es nicht erlaubt ohne Bewaffnung auf dieser Insel herumzuwandern.

Infos: http://www.sysselmannen.no/en/

Der Name Longyearbyen geht auf den ersten Kohleabbau eines amerikanischen Bergwergsmagnaten zurück. 1904 kaufte John Munro Longyear (1850-1922) die Kohlefelder von den Norwegern. Ihm gelang es in den Jahren 1906-07 mit Hilfe der Arctic Coal Company of Bosten (ACC) ein Bergwerk lukrativ, etwas oberhalb der Ortschaft zu führen. 1916 verkaufte er die Anlage (Grube 1A) wieder an die Norweger.

Eine damals neu gegründete norwegische Bergwerksgesellschaft, die Store Norske Spitzbergen Kulkkopani (SNSK) betrieb die Grube 1 einige Jahre weiter, danach kamen weitere Gruben im Longyeardalen hinzu. Doch als diese Kohlefelder auch erschöpft waren, musste man weite Transportwege in Kauf nehmen. Der Kohleabbau verlagerte sich ins Adventdalen, heute wird dort in einer rund 15 km von der Ortschaft Longyearbyen entfernten Grube (Gruva 7) mit ca. 25 Mitarbeitern Kohle für das örtliche Kraftwerk abgebaut.

In einer zweiten, gut 60 km entfernten Kohlegrube Sveagruva, hier baut die SNSK seit dem Jahr 2000 mit über 380 Mitarbeitern rund 1,9 Mill. Tonnen Kohle jährlich für Europa ab. Abnehmer waren Deutschland mit 37% (jetzt nur noch 3 %), Spanien (18%), Dänemark (16%), England (11%). Frankreich und Belgien je 6 % und Norwegen und die Niederlande nehmen auch noch je 3% dieser Kohle. Die für Deutschland bestimmte Kohle wurde zum größten Teil an Eon und DongEnergy geliefert, ein Teil wurde und wird immer noch für die metallurgische Entwicklung gebraucht, aber auch für eine Glockengießerei. Seit Mitte 2015 ruht ein Teil des Bergbaus auf Spitzbergen, lediglich in der Grube 7 wird noch Kohle abgebaut. Die Jahresfördermenge ist von einstmals 4 Mio. t auf 60.000 t zurückgefahren worden. Auch diese Grube hat schon eine längere Geschichte, 1917 begann die schwedische Company AB Spetsbergens Svenska Kolfält Kohle zu fördern, 1934 übernahm dann die norwegische SNSK dieses Kohlefeld. Doch nun scheint auf Spitzbergen der Kohleabbau zu Ende zu sein.

Zwischen Flughafen und Longyearbyen liegen zwei Besonderheiten, eine ist die alte Grube 3 die heute zu einem Museum umgebaut ist. Dieses Schaubergwerk bietet einen ausführlichen Blick in den Kohlebergbau auf Spitzbergen, sicherlich eine Attraktion ist die Fahrt mit der   Grubenbahn durch einen Stollen bis ins Björndalen. 

Svalbard Globel Seed Vault

Direkt daneben liegt das Svalbard Globel Seed Vault. Hier werden von sehr vielen Staaten und Großkonzernen der Welt, Pflanzensamen gelagert. In dieser größten Kühltruhe der Welt, funktioniert so etwas auch nur wegen des Permafrostbodens.

Drei weitere Ortschaften sind russische Bergwerkssiedlungen. In der nordwestlichen Ecke des Billfjorden, rund 3 Std. mit dem Schiff von Longyearbyen entfernt, liegt Pyramiden. Dieses 1926 von den Schweden gekaufte Bergwerk, wurde 1998 zur Geisterstadt und wird heute gerne von Touristen besucht. Seit 2007 wird dort der Rückbau der Grube betrieben. Den Namen Pyramiden hat die Bergwerkssiedlung von den Berg Vorort, dessen Gipfel einer Pyramide gleicht.

Das zweit russische Bergwerk Grumant, auch am Isfjord gelegen wurde schon in den 1960er Jahren geschlossen, soll aber wieder aktiviert werden. Das dritte russische Bergwerk liegt in Barentsburg, hier betreibt die Trust Arcticugol eine Grube, in der heute auch noch Kohle abgebaut wird. Barentsburg wurde 1912 von den Norwegern errichtet, 1920 über eine russische Firma an die Nederländische Spitzbergen Companie (NESPICO) verkauft, um 1932 an die sowjetische staatliche Gesellschaft Trust Arcticugol weiter verkauft zu werden. Heute versucht man mit 300 Mitarbeitern, überwiegend Ukrainer, die Bergbausiedlung am Leben zu halten und noch Kohle zu fördern, doch das Kohlefeld ist bald erschöpft. Doch man bereitet sich in Barentsburg auf die Zukunft vor, mit viel Geld werden die Häuser renoviert und für den Tourismus fit gemacht.

In den 1920er Jahren versuchte die Kings Bay Kull Company am Kongsfjord eine Kohlegrube zu etablieren. Es entstand die nördlichste Ortschaft der Welt mit dem Namen Ny-Älesund. Später übernahm der norwegische Staat dieses Bergwerk. Der Kohleabbau war dort sehr schwierig, denn die Kohlevorkommen liegen dort 1000 Meter tief und die Schichten sind gegeneinander verschoben. Wegen der hohen Gasentwicklung und einer daraus resultierenden schweren Grubenexplosion, bei denen 21 Bergleute 1962 starben, wurde das Bergwerk aufgegeben. 1968 gab es einen Beschluss der norwegischen Regierung, dort eine Forschungseinrichtung aufzubauen. Dieser Beschluss war die Rettung für diesen Ort Ny-Älesund.

 

Geologie

Die Entstehung der Landschaft geht auf eine über 600 Millionen Jahre alte Geschichte zurück. Vor 600 Millionen Jahren lag Spitzbergen noch am Meeresboden des Südpols. Durch die Kontinentaldrift wanderte Spitzbergen Richtung Äquator, um vor 430 Millionen Jahren mit einigen anderen Kontinenten vereint und mit einer Reisegeschwindigkeit zwischen 1 und 5 cm pro Jahr den Äquator zu überqueren. Doch diese Insel geriet in die Gebirgsbildung zweier Kontinente. Denn vor ca. 400 Millionen Jahren, bei der Kollision zwischen Laurentia und Baltica wurden die zum Teil stark gefalteten kristallinen Gesteine Spitzbergens, aber auch Norwegens zu einem riesigen Gebirge aufgetürmt (Kaledonischer Gebirgsgürtel). Dieses Gebirge ist Zeugnis von gewaltigen geologischen Prozessen, dabei wurde kristallines Gestein unterschiedlichen Alters an die Oberfläche gedrückt und Sedimente vom Kambrium bis ins Silur wurden unter Baltica zum größten Teil eingeschmolzen. Nur bescheidene Reste sind bei dieser Kollision zwischen dem Grundgebirgsgestein eingeschoben. Das älteste Gestein Spitzbergens ist ein Gneis mit einem Alter von 3,3 Mrd. Jahre.

Gneis vor dem Hotel in PyramidenAuf diesem Grundgebirgssockel lagerten sich seit dem obersten Silur nun Sedimente ab. Erosion und Meereseinbrüche hinterließen auf Spitzbergen aber zum Teil große Lücken im Buch der Erdgeschichte.

Zu den ersten wichtigen Sedimentablagerungen stammen aus dem Devon. Da die heutige Insel immer wieder oberhalb des Meeresspiegels lag, siedelte sich auch schon vor 380 Millionen Jahren Vegetation an sumpfigen Stellen an. So findet man in der Nähe von Pyramiden Reste eines Lycopsiden-Waldes der dort vor 380 Mill. Jahren wuchs. Es sind die frühen Pflanzenvorfahren der Lepidodendrales, also der großen Bäume des Karbons. Die Lepidodendrales sind eine ausgestorbene Gruppe der Bärlapppflanzen.

Während des Unter-Karbons (Tournaisium, 358,9–346,7 Mill. J.) lagerten sich die ältesten kohleführenden Schichten auf Spitzbergen ab. So entstanden erneut umfangreiche Sumpfwälder. Dieser Wald hatte jedoch mit dem was wir heute als Wald verstehen, nichts gemeinsam. Er bestand vorwiegend aus Schachtelhalmen, Baumfarne und Bärlappgewächsen in einer sumpfartigen tropischen Landschaft. Größere Mengen dieses Waldes lieferten so viel Biomasse, woraus sich die spätere zu Kohlelagerstätte bildete.

Vor 320 Millionen Jahren, im Ober-Karbon, lag Spitzbergen erneut Unterwasser. In dem  damaligen tropischen Flachmeer entstanden Riffstrukturen aus Korallen. Doch schon zu dieser Zeit begann eine langsame Versalzung des Flachmeeres. Es kam zur Verarmung des Ökosystems. Stromatoliten beherrschten fort an diese Flachmeer Region.

In der Perm-Zeit lagerte sich Gips ab. So entstanden umfangreiche Anhydrit-Lagersteätten.

Ab des oberen Perm kam es im westlichen Teil Spitzbergens zu weiträumiger Meerestransgression was sich bis weit in die Trias-Zeit (199-251 Mill. J.) vorsetzte. Die so eingespülten Sande wurden durch Strömungen verdriftet und als Barrieresande parallel zur Küste abgelagert. Der Osten von Spitzbergen war von dieser Transgression nicht betroffen, hier im Beckentief lagerten sich tonige Schichten ab.

In der Jura-Zeit brachte die Plattentektonik Spitzbergen noch weiter nach Norden, war aber nach wie vor vom Meer bedeckt. Zahlreiche Fossilien von Meeresbewohnern zeugen aus dieser Zeit.

Erst zur Unterkreide kam es im südlichen Bereich durch eine großen Flusssystems zu Sedimentschüttungen. Diese Siltsteinbänke der Unterkreidezeit deuten schon den Trockefall dieses Eilandes an, wahrscheinlich gibt es deshalb auch bis heute noch keinen Nachweis der Oberkreide. Deutliche Zeichen dafür sind Saurier-Spuren und Kohlevorkommen im Barreme. Teile Spitzbergens lagen während der Unterkreide aber auch im Beckenbereich, so dass sich auchreiner Tonstein ablagerte.

Im Alttertiär gehörte Spitzbergen noch zu Grönland, erst vor 60 Millionen Jahren trennten sich diese Landteile voneinander. Auf Spitzbergen wuchsen zu jener Zeit auenwaldtypische Laub- und Nadelbäume. Es handelt sich hier aber um einen Uralten Wald, wahrschlich um einen nachträglich dem Klima angepassten Pflanzenbestand der sich schon zu Beginn der Oberkreide entwickelt hat, also schon Millionen Jahre älter ist.

Das Klima war doch eher gemäßigt mit warmen Sommern und kalten Wintermonaten. So konnten sich auf den Jura- und Unterkreideschichten, feuchtigkeitsliebende Laubgehölze etablieren. Die Wälder ähnelten bereits unseren heutigen Laubwäldern. Faszinierend ist, dass Spitzbergen schon vor 65 Mill. J. seinen heutigen Breitengrad erreicht hatte und hier trotz viermonatiger Polarnacht Wälder gediehen. Offenbar waren sie an diesen Hell-Dunkel-Perioden angepasst was man an den fossilen Blättern auch noch ablesen kann.

 

Auf den feuchten Böden wuchsen überwiegend Haselnusssträucher (Corylus hebridicus) sowie:

 -        Ahorngewächse (Acer arcticum)

-         Ulmengewächse (Ulmites ulmifolius)

-         Weidengewächse (Salix retusa + Zizyphoides flabella (Populus flabellum))

-         Birkengewächse (Betula sp.)

-         Platanengewächse (Platanus aceroides)

-         verschiedene Eichengewächse (Quercus grönlandica, Q. platana, Q. venosa)

-         Buchengewächse (Rarytkinia quercifolia)

-         Hartriegelgewächse (Cornus hyperborea)

-         Rosengewächse (Sorbus grandiolia)

 

Neben Sumpfzypressengewächse wie der Urwelt-Mammutbaum (Metasequoia occidentalis) kommen auch Laubbäume wie der Kuchenbaum (Cercidiphyllum), den man heute nur noch in Japan und China findet. Den Bodenbewuchs stellten verschiedene Farne (z.B. Dryas integrifolia,), an Wassertümpeln wuchsen Schilfgräser und Schachtelhalme (Equisetum arcticum). Einige Pflanzen Spitzbergens entwickelten sich schon in der Oberkreide auf amerikanischen und grönländischen Boden und haben den Dino-Supergau überlebt. Dazu gehören Trochodendroides richardsonii, Dombeyopsis sp. und Ushia olafsenii, diese sind sogar aus Ost Sibirien bekannt.

Corylus sp.Blätter die in Wassertümpeln lagen, weisen häufiger mal Weidespuren von Schnecken auf. Andere Blätter haben zersetzungsspuren durch Pilze oder sind von Raupen angefressen worden.

Die tertiären Schichtungen aus Sandstein, Konglomeraten und Kohlelager zeigen uns, dass das Gebiet ruhige Zeiten aber auch stürmische Zeiten erlebt hat. In ruhigeren Phasen konnten sich Pflanzenmaterial zu Torflager in weiträumigen Senken bilden, aus denen dann die Kohle wurde.

In stürmischen Zeiten wurden diese humosen Pflanzenlager mit Sedimenten bedeckt. Weiträumige Konglomerat-Schichten sind Indikatoren für eine niederschlagsreiche Phase, bei dem paläozoisches Gestein von den Küsten ins Meer erodierte. Interessant ist die Zusammensetzung dieser Konglomerat-Schichten, neben verschieden farbigen Quarzen kommen auch schwarze Kieselschiefer oder Sedimentreste darin vor. Doch auch Material fossilen Ursprungs, wie abgerollte Kohlestückchen oder Korallen lassen sich finden.

2006 wurden in der Grube 7, beim Abbau der Kohle die ersten Spuren eines Säugetiers gefunden. Die tertiären Wälder wurden von Titanoides, einer Pantodonten Art durchwandert. Diese Tierart wanderte wohl aus Nord-Amerika nach Spitzbergen und ist eine eigenständige Gruppe die es nicht nach Europa geschafft hatte. Titanoides wurde rund 500 kg schwer, war damit so groß wie ein Bär. Knochenfunde zeigen ein Gebiss eines Bären mit langen Eckzähnen. Das Tier soll ein Pflanzenfresser gewesen sein. Ob sich das Tier jedoch auch Fische aus Flüssen fing, um sich ein gewisses Fettpolster anzufressen oder ob es Winterschlaf hielt, in der Dunkelheit herum lief oder in südlichere Gefilde abwanderte bleibt vorerst Spekulation. Knochenfunde könnten hier Aufschluss geben. 

Hier auf Spitzbergen kann man durch die Erdgeschichte wandern und es klingt unglaublich, doch Spitzbergen ist in den letzten 600 Millionen Jahren gut 15.000 Kilometer, vom Süd- bis kurz vor dem Nordpol gewandert und die Reise ist noch nicht zu Ende.

  

Die Landschaft

Tundra Adventdalen

Das dominierende Landschaftsbild ist die Tundra, was ein ganz spezielles Erlebnis ist. Bei einem Spaziergang durchs Adventdalen mit seinen Seitentälern, bekommt man einen guten Überblick wie die Natur auf der Inselgruppe beschaffen ist. Ob man nun ins Endalen oder ins benachbarte Bolterdalen wandert, Freunde von Tieren und Pflanzen kommen hier auf ihre Kosten.

Neben Fingerkraut, Rasen-Steinbrech oder der nördlichen Alpennelke gibt es auch Bäume. Klar, man darf jetzt keinen hochgewachsenen Baum erwarten, es handelt sich natürlich nur um Bodendecker. Dennoch, wer die Polarbirke oder die Polarweide entdeckt kann erst einmal staunen wie großflächig so ein Baum sich ausbreiten kann.

Zwischen Moosen und Flechten wächst Scheuchzers Wollgras, auf steinigem Untergrund Stengelloses Leimkraut und Blumenfreunde kommen neben dem arktischen Hornkraut oder den Hahnenfuß Gewächsen und dem Spitzbergen Mohn vollends ins Schwärmen.