Zwei tertiäre Pilzfunde aus dem Geschiebe NW-Deutschlands

 

Die Eiszeiten haben sehr viel Kies und Sand in Norddeutschland hinterlassen. In diesen Kiesablagerungen lassen sich immer wieder verkieselte Holzstücke von Sequoia sp.  finden. Zusammen mit diesen Hölzern sind in früheren Jahren auch zwei Pilz-Fruchtkörper aus den Kiesablagerungen geborgen worden. Bei diesen Exemplaren handelt es sich um ganz besondere Fossilfunde. In diesem Artikel werden allerdings nur zwei der vier verkieselten Pilze beschrieben. Die anderen beiden unveröffentlichten Pizefruchtkörper befinden sich in den Niederlanden im Privatbesitz.

Tertiäre Sedimente die in ganz NW Deutschland zur Ablagerung kamen, leisteten den Eisgletschern keinen Widerstand. Dementsprechend findet man relativ viel tertiäres Gestein als Geschiebe. Zu diesen festen Bestandteilen gehören nicht nur Konglomerate sondern auch phosphatiertes und verkieseltes Holz. Die tertiären Hölzer zusammen mit dem Ostsee-Bernstein sind Zeugnisse der ausgedehnten Urwälder in ganz Nordeuropa.

Im Alttertiär war das Klima relativ Warm und trocken, während trockeneren Phasen dominierten der Mammutbaum (Sequoia sp.) den Wald, von diesen Bäumen findet man verkieselte Holzreste in ganz NW Deutschland. Bei der Vielzahl der verkieselten Hölzer sind auch Prozesse der Zersetzung überliefert worden, die durch Pilze, Insekten oder wie bei den Treibhölzern durch Bohrmuscheln begonnen wurden.

Zu einem „lebendigen Wald“ gehören auch Pilze. Sie sind es, die den Wald eigentlich am Leben erhalten, denn nach Schätzungen fördern Pilze das Wachstum zu achtzig bis neunzig Prozent aller Pflanzen in einem Wald. Als Partner bilden Mykorrhiza über ein feines Pilzgewebe das Aktionsfeld der Holzpflanzen aus. Sie leben in Symbiose mit den Holzpflanzen, man spricht von einer Mykorrhiza-Partnerschaft. Aber Pilze können auch zerstörerisch auftreten. Während die einen den Pflanzen dienlich sind, sind die anderen mit der Beseitigung von Totholz beschäftigt. Doch auch diese Pilze sind für den Wald hilfreich, denn durch die Zersetzung toter Pflanzen bringen sie die gebundenen Nährstoffe erneut in den Stoffwechsel des Waldes und damit in dessen Kreislauf. Man unterscheidet hier Pilze die keinen Fruchtkörper ausbilden, also eine saprophytische Lebensweise bevorzugen. Pilze die Fruchtkörper zur Verbreitung bilden, können Partner der Holzpflanze sein aber auch parasitär von ihr leben. Letzterer Pilz wächst auf oder in der Holzpflanze und schädigt die Pflanze so stark, dass diese zum Absterben gebracht wird.

Das Alter von mehrjährigen Pilzfruchtkörpern lässt sich im Allgemeinen nicht so einfach und eindeutig bestimmen, wie beispielsweise das Alter von Bäumen durch eine Jahrring-Analyse. Bei einigen Pilzarten scheint die Altersbestimmung mit etwas Detailwissen über das Wachstumsverhalten und Fruchtkörperaufbau recht hilfreich oder sogar völlig ausreichend sein. Eine einfache Röhrenschicht-Analyse soll hier wichtige Fruchtkörper-Merkmale für eine Altersbestimmung aufzeigen. Zwischen den einzelnen Röhrenschichten kann eine Trama-Zwischenschicht eingezogen sein, die die Röhrenschicht, der sie aufliegt verschließt, oder eine Trama-Zwischenschicht kann fehlen, wodurch die Röhren einer Röhrenschicht offen bleiben. Bei einem Fruchtkörper mit offenen Röhren wächst auf die alte Röhrenschicht übergangslos eine neue Röhrenschicht, während bei einem Fruchtkörper mit geschlossenen Röhren vor der Ausbildung einer neuen Röhrenschicht erst eine Trama-Schicht gebildet wird, auf welcher dann eine neue Röhrenschicht entsteht.

 

 

Fig.1

Fig.1: Längsbruch durch einen fossilen Fruchtkörper eines „Porlings“

Die Mündungen der Röhren bilden die Poren, aus denen die Sporen entlassen werden. Über der Röhrenschicht/-en befindet sich das Hutfleisch, die „Trama“. Dieser Fruchtkörper besitzt des Weiteren noch einen Mycelialkern.

 

Nach dem absterben der Wirtspflanzen entstehen so Eintrittspforten für holzabbauende Organismen wie zum Beispiel am Totholz von Bäumen die Mycelien von Baumpilzen. Mehrjährige Porlings-Fruchtkörper bilden auf ihrer Unterseite grundsätzlich mehrere, übereinander liegende Röhrenschichten, die von unten aus betrachtet, als Poren, bzw. als Porenfläche in Erscheinung treten. Da in den Röhren die Sporen an der Fruchtschicht (Hymenium) gebildet werden, wird die fruchtschichttragende Röhrenschicht auch Hymenophor genannt.

Schneidet man einen solchen Fruchtkörper der Länge nach durch, kann man die einzelnen, übereinander liegenden Röhrenschichten erkennen, wobei die Röhren selbst dann der Länge nach angeschnitten wurden. Über den geschichteten Röhren befindet sich das Hutfleisch, die so genannte Trama, welches schließlich von einer Hutkruste bedeckt wird.

Bei einem Fruchtkörper mit offenen Röhren wächst auf die alte Röhrenschicht übergangslos eine neue Röhrenschicht, wie es bei einem „Echten Zunderschwamm“ (Fomes fomentarius) ist. Fruchtkörper mit geschlossenen Röhren verschließen erst die alte Röhrenschicht  mit einer Trama-Schicht, auf welcher dann eine neue Röhrenschicht entsteht.

Das Fruchtkörper-, bzw. Hymenophor-Wachstum, verläuft in Phasen. Im Winter befindet sich der Fruchtkörper in einer Wachstumsruhephase. Grundsätzlich wird das Wachstum bei Temperaturen unter 0 °C unterbrochen. Sobald es im Frühjahr wärmer wird, beginnt die Röhrenschicht, wie auch der Fruchtkörper allgemein an seiner Peripherie, zu wachsen. Dieses ist auch gleichzeitig der Beginn einer Wachstums-Saison. Es wird eine neue Röhrenschicht auf die Alte gebaut mit oder ohne Trama-Zwischenschicht, wodurch das Trama-Band entsteht.

Solange das Mycel im Substrat „Holz“ dem Fruchtkörper ausreichend Nährstoffe zur Verfügung stellen kann, und die Temperatur- und Feuchtigkeitsbedingungen günstig sind, wächst der Fruchtkörper. Sind diese Bedingungen nicht mehr gegeben, kommt es zu einer Wachstumsunterbrechung.

In diesem Fall bilden einige Pilzarten bei ihrem Gesamtzuwachs pro Jahr eine zweite Wachstums-Saisons aus, mit der Ersten im Frühjahr und einer Zweiten im Herbst, äußerlich wäre dieses auch erkennbar an markanten Zuwachswülsten. Da zu Beginn der jährlichen Fruchtkörper-Wachstumsphase ein dünnes Trama-Häutchen auf die Röhrenschicht des vergangenen Jahres aufwächst, kann so die neue Röhrenschicht ausgebildet werden. Diese Abstufung der Röhrenschichte kann zur Altersbestimmung des Fruchtkörpers herangezogen werden.

 

Fig.2
Fig.2: Zwei Birken-Porlinge.
 
Fruchtkörper 1
 

Bei dem fast vollständig erhaltenen Fruchtkörper (Fig. 3, 4, 5), sind die Röhrenschichten nicht geschlossen, d.h. eine abschließende Trama-Schicht wurde noch nicht gebildet. Eine komplette Jahreswachstumsphase ist möglicherweise bei diesem Exponat noch nicht abgeschlossen worden, damit hat dieser Fruchtkörper noch eine offene Jahresgrenze.

Der Fruchtkörper ist ca. 2 Jahre alt, da die Röhrenschichten durch eine Trama-Band getrennt sind. Während seines ersten Lebensjahres wuchs das Pilzmycel im Holzkörper nur sehr wenig und es wurde nur ein kleiner Fruchtkörper gebildet. Dieses ist für Baumpilze ein ganz normaler Prozess, denn das Pilzmycel musste sich den Nährstoffbereich erst erschließen. Im zweiten Jahr konnte sich der Fruchtkörper aber schon sehr gut ausbilden. Die Hutkruste ist nicht mehr vollständig vorhanden (Fig. 3), dennoch erkennt man an der Stufe den Ansatz für die zweite Wachstumsperiode.

 

 

Fig.3  Fig.5
Fig.3: Oberseite des Fruchtkörper 1; + Fig. 5: Unterseite mit den offenen Poren des Fruchtkörpers
(links die Abbruchkante Porenschicht mit einem Insekten-Fraßloch).
 
Fig.4

Fig.4: Längsbruch durch den Fruchtkörper.

Das Alter des Fruchtkörpers entspricht nach der Anzahl der vorhandenen Röhrenschichten, die hier durch ein Trama-Band
getrennt werden (weißer Pfeil) demnach 2 Jahre (Altersabschätzung).
 
 
Fruchtkörper 2
 

Dieses Exemplar, derselben Art wie Fruchtkörper 1, zeigt deutliche Beschädigungen durch den Geschiebetransport, jedoch sind auch eigene Auflösungserscheinungen (Fig.7+8) zu sehen. Fruchtkörper und Mycel waren wahrscheinlich schon abgestorben, damit war der noch am Stammholz sitzende Pilz seiner eigenen Auflösung preisgegeben.

Bei dem nicht vollständigen Fruchtkörper, sind die Röhrenschichten noch nicht geschlossen gewesen. Leider ist der Mycelialkern nicht mehr vorhanden, auch zum Alter lässt sich ohne einen Längsschnitt durch diesen Fruchtkörper wenig sagen. Die Oberseite ist glatt, so ist das Hutfleisch recht dünn. Eine klare Aussage dazu, ob es sich um einen Geschiebetransportschadenhandelt, kann nicht gemacht werden.
 
 
Fig.6
Fig.6: Seitenansicht des Fruchtkörpers mit seiner Röhrenschicht.
 
Fig.7

Fig.7: Unterseite mit den offenen Poren, auch die Auflösung und dem Befall

durch Insekten ist deutlich am Pilz zu sehen.
 
Fig.8

Fig.8: Bildausschnitt mit den offenen Poren und der Zersetzung des Pilzes,

deutlich sind hier auch viele Öffnungen von Insekten zu sehen.
 
 
Fig.9
Fig.9: Birken-Porling, seine Unterseite ist durch Käfer-Befall stark gezeichnet.
 
Fig.10
Fig.10: Bildausschnitt der Röhrenschicht mit einigen großen Insekten Fraßgängen.
 

Pilzfruchtkörper als Wirte weiterer Organismen

In und an den Pilzfruchtkörpern kommen auch andere Organismen wie Algen, Flechten, Pilze, Moose, wirbellose Tiere vor. Damit tragen diese Fruchtkörper zum Erhalt der Artenvielfältigkeit bei. Die Bedeutung derartiger Sonderstandorte für mehr oder weniger spezialisierte Arten ist hoch, wenn sie an totem Holz vorkommen.

Pilze sind insbesondere Versteck und Nahrungsquelle für viele Tierarten während bestimmter Zeiten. In der Winterzeit, oder zur Sommertrockenheit, als Tagversteck für nachtaktive Arten bzw. Nachtversteck mancher tagaktiver Arten. Als Entwicklungssubstrat werden sie von pilzbrütenden Käferarten genutzt und dabei zerstört. Einige Käfer können sogar den Fruchtkörper restlos zerstören. Baumpilzkäfer sehen ähnlich aus wie Borkenkäfer und man findet sie oft in großer Zahl als Larve und Käfer vor allem in harten Baumpilzen. Die Wahl des Pilzes ist oft spezifisch, also auf eine Pilzart beschränkt. Natürlich kann man jetzt nicht mehr sagen um welche Käferart es sich handelte, doch diese Pilzart beheimatete einen kleinen Mikrokosmos.

Für die kreisrunden Fraßlöcher in den beiden verkieselten Fruchtkörpern könnten Mycetobionte-Käfer als auch Mycetophile-Käfer in Frage kommen. Mycetobionte- Käfer sind primäre Pilzbesucher, diese kommen nur wegen der Pilze, um sich von ihnen zu ernähren, sie sind also auf Pilze angewiesen. Mycetophile-Käfer sind sekundäre Pilzbesucher und nur gelegentlich an Pilzen anzutreffen, sie sind nicht unbedingt vom Pilz abhängig, sondern ernähren sich entweder von anderen Pilzgästen oder sind aus anderen Gründen dort anzutreffen.

Die nachfolgenden Auflistungen sind heutige Pilzbewohner, ähnliche Tiere bewohnten auch schon Baumpilze im Tertiär. Pilze bieten einer Vielzahl von Tieren einen Unterschlupf, dazu gehören: 


Ø       Gastropoda

Ø       Annelida

Ø       Arthropoda

Ø       Arachnida

Ø       Crustacea

Ø       Myriapoda

Ø       Annelida


Die aufgesammelten Pilzfruchtkörper gehören wahrscheinlich zu einem „Schwarm“ von weiteren Fruchtkörpern von nur einem Holzstamm. Holz und Baumpilze stammen von einer Lagerstätte am Grund der Ostsee oder aus Paläogenen Lagerstätten in Mecklenburg. Diese wurden zusammen im Eis eingeschlossen und nach NW Deutschland verfrachtet. Dabei wurden die großen Stämme durch den Eistransport in viele Stücke zerlegt und dabei die Fruchtkörper vom Holz abgetrennt. Der gute Erhaltungszustand zeigt doch allerlei Merkmale für eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung, sowohl auf die Fruktifikation als auch auf die Fremdbesiedlung durch weitere Organismen. Zu diesem Zweck sollte auch das Begleitholz mit untersucht werden, damit auch die Frage nach der zeitlichen Einordnung geklärt werden kann.

 

Pilzschwarm am Baumstamm
Pilzfruchtkörper-Schwarm

 

 Erstellt: 14. ‎August ‎2015