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Tongrube Gerdemann in Gronau

 

Die ehemalige Dampfziegelei der Unternehmer Gerdemann und Bertelsmann verarbeitete vor über 100 Jahren in Graonau Millionen Jahre alten Ton. Dazu standen der Ziegelei damals ca. 20000 m² Fläche zur Verfügung. Die Produktion wurde 1883 im Glanerfeld (Gronau) aufgenommen und noch während des Ersten Weltkrieges 1917 wurde die Ziegelproduktion eingestellt und die Grube füllte sich schon rasch mit Wasser. 

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Die Tongrube der „Gronauer Tonwerke“, heute eine unter Schutz gestellte Schieferkuhle. (Foto: Stadtarchiv Gronau)

Abgebaut wurde der tonige Teil der tiefen Unterkreide Berrias. Zwischen den Muschelschillbänken liegt blättriger Tonschiefer der für die Ziegelproduktion von Interesse war. Trotz hohem Kohlenstoffgehalt sorgte der kalkarme Ton für hohe Qualitäten beim Brennen von Dachziegeln und Klinker.

Der Tonabbau wurde unterschiedlich vorgenommen. Für den Papierschiefer mussten damals viele Arbeiter mit Spitzhacke und Schaufel Tonschiefer brechen. In den ersten Jahren der Produktion wurden Pferdefuhrwerke eingesetzt, später füllte man Loren die von Pferden gezogen wurden. Während der Kriegsjahre musste man auf Pferde verzichten und die Arbeiter mussten selber die Loren aus der Grube ziehen. Gegen Ende des Krieges wurden aber auch diese jungen Männer an der Front gebraucht, was wahrscheinlich dann zum Produktionsende führte.

Dünne Lagen an Muschelschill waren für die Spitzhacken kein Problem, aber es gab auch dickere Bänke von 40 oder 60 cm Stärke. Um diese Kalkbänke zu zerkleinern, wurde Dynamit verwendet. Natürlich litten darin eingeschlossene Fossilien, wie ein Saurierskelett zum Beispiel, ganz fürchterlich darunter.

Was heutzutage moderne Maschinen zerstören können, hat man damals mit Sprengstoff zerstört. 

Gronau vor 140 Millionen Jahren?

Während des oberen Jura glich Europa einem Inselarchipel. Der Meeresspiegel lag ca. 150 Meter höher als heute. Subtropische Bedingungen, blaues Meer und ausgedehnte Sandstrände wären in der heutigen Zeit ein beliebtes Urlaubsparadies.

Das Niedersächsische Becken war ein flach absinkender Trog der in weiträumige Küstenufer an Land endete. Die Meeresablagerungen sind aufgrund des niedrigen Salzgehaltes in weiten Bereichen brackisch, in Küsten- und Flußnähe sandig und in den tieferen Bereichen tonig.

Die Unterkreide beginnt vor ca. 145 Millionen Jahren mit dem Berrias (früher Wealden). Vor 143 Millionen Jahren süßte das Wasser zunehmend aus, und es entwickelte sich in weiten Teilen des heutigen Emslandes eine Brackwasser-Fauna. Das ausgedehnte Binnenmeer mit seinen weiten Küstenbereichen und kleinen Inseln wurde von riesigen Waldgebieten und Sümpfen umgeben. Diese Wälder hatten mit dem, was wir heute unter Wald verstehen, noch nicht viel gemeinsam. Es war ein idealer Lebensraum für Insekten und Saurier. Im südlichen Küstenabschnitt lagen Sümpfe mit kleinen Seen und Sumpfwälder. Die Sumpfigen Flussläufe waren die Heimat von Krokodilen und Schildkröten, während weitläufige Flächen (Farnsteppen) und Küstenbereiche die bevorzugten Lebensräume von Herden, Pflanzenfressenden Dinosauriern waren. Vereinzelt überflogen Flugsaurier diese Wald- und Küstenabschnitte.

 Niedersächsisches Becken im Berrias
Das Niedersächsische Becken im frühen Berrias

Die tiefste Stufe der Kreidezeit ist im westlichen Teil ganz anders ausgebildet als die sonst so im Niedersächsischen Becken abgelagerten Sedimente. Während im gesamten Niedersächsischen Beckenehr tonige Sedimente abgelagert wurden, handelt es sich im Westen um eine Wechsellagerung die bis ins untere Valangin vorherrschte. Bestimmt sind diese Sedimente von bituminösen Blättertonen und Bänken aus Muschelschalen. So lagerten sich im westlichen Teil, eine bis zu 400 Meter mächtige Schicht ab. Der Ölschiefer, auch Leder- oder Papierschiefer hat einen Gehalt an organischem Kohlenstoff von 1,20 % bis 5,15%. Algen vom Typ Botrycoccus lieferten die Mengen an organischem Material. Zyklische Phasen der Algenblüte sorgten für unterschiedliche Mengen und damit für einen unterschiedlichen Gehalt an organischem Kohlenstoff im Sediment. Der starke Einfluss an Süßwasser brachte auch nur eine sehr monotone Fauna hervor. Die abgelagerten Muschelschalen (Neomiodon) und Schneckengehäuse (Paraglauconia) kamen in so großen Mengen vor, das sich Kalkbänke, bestehend aus nur diesem Material ablagern konnten. Diese Mengen an Mollusken zogen auch Fressfeinde an. So hatten sich einige Fischarten, wieCoelodus und Lepidotus auf diese Muscheln spezialisiert.Von diesen Molluskenfressern kann man häufig die Reste (Schuppen, Zähne und Knochenteile) finden. Jährlich auftretende Stürme zerstörten oft die abgelagerten Muschelschalen und lagerten diese als Schill erneut ab, wobei sich die gröberen Bestandteile im unteren Teil der Bänke ablagerten.

Gronau lag zu jener Zeit in der Alstätter Bucht an dessen östlichen Rand. Hier am Rand zum Rheinischen Festland hat sich eine ganz besondere Fazies abgelagert. Zunächst lagerten sich auch hier Ölschiefer ab. Durch marine Einflüsse, deutlich erkennbar an den vielen Fischresten, lagerten sich auch helle Tone und Kalke ab. Es kam zu einer Mischfazies bestehend aus einer noch brackisch beeinflussten Fauna und einer rein marinen Fauna. In dieser Mischfazies ließen sich einzigartig erhaltene Ammoniten und Belemniten, aber auch zahlreiche Pflanzenreste finden. Die Ammoniten-Steinkerne dieser Platylenticeraten bestehen aus elfenbeinfarbenem Calcit und schwarzem Pyrit. Diese Erhaltung ist durch die Einbettung in einer sehr kalkhaltigen Matrix entstanden. Für diese lokale Kalkablagerung ist möglicherweise zur damaligen Zeit ein veränderter pH Wert des Wassers schuld. So kam es zu einer spontanen Kalkausfällung. Dabei trübt sich das Wasser von einer Sekunde zur nächsten, so ein Phänomen lässt sich auch heute noch bei den Bahamas beobachten. Auch dort flockt Kalk in den sehr flachen Meeresbereichen spontan aus und singt auf den Grund. Meeresreptilien wie diese Paddelsaurier sind reine Fischjäger. Sie bewegen sich elegant durchs Wasser, sind wendig wie ein Vogel und erreichen auch hohe Geschwindigkeiten. Der lange Hals sorgte zusätzlich für Beweglichkeit. Diese hohen Geschwindigkeiten erreichten sie mit ihren vier großen Paddeln, die sie wie Flügelschläge von Libellen bewegten. Der Lebensraum ist das offene Meer gewesen, für das Niedersächsische Becken ist das nicht der flache Teil der Alstätter Bucht, sondern das Becke gewesen. Die beiden Skelette aus der Gronauer Tongrube müssen demnach als Kadaver durch Stürme dort in den flachen Teil der Bucht gespült worden sein. Diese kadaver zogen natürlich auch Aasfresse an.  Krokodile sind Aasfresser und leisten so ihren Beitrag zum Schutz ihrer Lebensräume,  dabei hat ein Krokodil einen seiner Zähne verloren was den einzelnen Zahnfund erklärt.

Bilder von Geschiebefossilien aus dem Berrias und dem tiefen Valangin 

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Oben:Zwei Platten mit Muschelschalen von Neomiodon;

Mitte:Ammonit Platylenticeras,Fischschuppe von Lepidotus und Stück einer Gaumenplatte von Coelodus;

Unten:Zweig einer Konifere; Blattrest vom Ginkgo-Baum;


Die Geschichte

Seit 1860 boomte die Ziegelherstellung da die Textilindustrie für ihre Produktionsstätten in dieser Region zahllose Ziegel benötigte. Alleine die Stadt Rheine mit den Werken der Firmen C + F.A. Kümpers benötigten täglich 8000 Ziegel für den gleichzeitigen Bau ihrer Werke. Aber auch in Nordhorn, Ochtrup, Ahaus und Gronau wurden viele Ziegel benötigt. Denn auch hier baute man die Fabriken auf um schnell die Produktion von Textilien aller Art aufnehmen zu können. Das sorgte  dafür, dass Ziegeleien wie Pilze aus dem Boden wuchsen. Überall wo Ton an der Oberfläche anstand wurde auch eine Tongrube aufgemacht. Ein Paradies für Sammler, die gab es aber kaum zu jener Zeit.

Ein Rektor und Lehrer (A. Hasenow) der früheren Mädchenschule und späteren Realschule in Gronau, der leidenschaftliche Naturkundler war, unternahm alleine oder mit Schülern Exkursionen in die Umgebung von Gronau. Hier machten sie kleine Ausgrabungen und präparierten die Fundstücke in der Schule. Im Anschluss wurden die Exponate in Aufsätzen beschrieben und der Öffentlichkeit vorgestellt. Unteranderem kamen sie auch zur Gerdemannschen Tongrube und fanden Spektakuläres.1910 kam die erste Sensation: Ein „Schlangenhalsdrachen“ wurde in einer Muschelschillbank gefunden.

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Das Skelett des 1910 in Gronau geborgenen Brancasaurus wurde 1912 der Öffentlichkeit vorgestellt. (Foto: Stadtarchiv Gronau)

Zwei Jahre später kamen weitere Skelettreste hinzu. Auch eine nicht vollständige Schildkröte gehörte zu den Funden dieser Sammler. Neben vielen Fischresten fand man auch einen Krokodielzahn. Der Paläontologe Theodor Wegner erkannte schon damals, kurz nach dem Fund, dass das Skelett sich unterschied von einer damals neu beschriebenen Brancasaurus-Art, die ebenfalls in der Grube entdeckt worden war. Wegener benannte die Art nach dem berühmten deutschen Paläontologen Wilhelm von Branca, bei dem er in Berlin studiert hatte,Brancasaurusbrancai. 

So entstand schon vor dem Ersten Weltkrieg eine Ausstellung in Gronau für eine „Versteinerungs-sammlung“. Zunächst in der städtischen Turnhalle, 1926 auf einem Flur der damaligen Oberrealschule. Eine Schule der Evangelischen Kirche im Zentrum Gronaus (1930) sollte nun zum Museum der Exponate werden. 1931 war es dann soweit, das Museum wurde Eröffnet.

Der damalige Universalgelehrte Prof. Hermann Quantz, Gymnasiallehrer und Sachverständiger für Pflanzenuntersuchungen der Stadt Gronau, wurde nun als Konservator des gerade gegründeten Stadtmuseums eingesetzt und war für die Aufbereitung und Ausstellung zahlreichen Gronauer Bodenfunde zuständig. Quantz betreute die Schausammlung bis zu seiner Pensionierung 1932. Das Museum wurde 1937 geräumt und es begann eine desaströse Odyssee über die Dachböden verschiedener Gronauer Schulen.

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Das Städtische Heimatmuseum 1931, im Bild Professor Herrmann Quantz. (Foto: Stadtarchiv Gronau) 

Beschrieben wurde der Gronauer Schubladensaurus (Brancasaurus) 1961 noch einmal von dem Museumsmitarbeiter Paul Siegfried (Paläontologisches Museum der Universität Münster). 1980 beschloss der Rat der Stadt Gronau, auf Betreiben des Heimatvereins und durch die Zusage einer Beteiligung des LWL Münster, die Errichtung eines Museums. Bis 1988 entstand so ein Museum in Gronau (Drilandmuseum) mit dem Schwerpunkt Paläontologie. Mittelpunkt war und ist der Schwimmsaurier. 

Der „Gronausauruswegneri“ 

Der Kurator Dr. Oliver Hampe, Experte für Evolutions- und Biodiversitätsforschung am Museum für Naturkunde in Berlin, nahm sich das Skelett, aber auch die in der Region verstreuten Fossilien aus Gronau an. Jahrzehntelang wurde angenommen, dass das zweite Skelett auch ein Brancasaurus ist. Dr. Oliver Hampe wollte es genau wissen. Es wurde zwar in den 90er Jahren schon vermutet, das es sich bei dem zweiten Skelett um eine andere Spezies handeln könnte, aber kein Münsteraner Wissenschaftler machte sich die Mühe, diesen Zweifel auszuräumen. Da musste erst ein Engagierter Berliner Wissenschaftler her, der die zweite Spezies alsGronausaurus bestimmte.Dr. Oliver Hampe schätzt das Alter auf 137,5 Millionen Jahre. 2015 soll nach der Fertigstellung des Geomuseums an der Pferdegasse in Münster, der Gronausaurus endgültig ausgestellt werden.

Unser Dank gilt Gerhard Lippert vom Stadtarchiv Gronau für die Bilder.

  

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